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Ein Gutshaus für eine ganze Gruppe!

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Das Guts- & Gästehaus Zietlitz bietet das passende Ambiente für Familienfeiern und -treffen, Brainstormings, kleine Seminare, Gruppen von Freunden historischer Gutshäuser; Naturliebhaber, Yogagruppen u.v.m.

Reiterferien


Mittsommer Remise 2017

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24. & 25. Juni 2017

Erleben Sie einen Abend voller Mythen, Legenden und Romantik.

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Gutshaus Olgashof

Wer war Olga?
Als ich letztens gefragt wurde, woher der Name Olgashof stamme und was es mit diesem Hof auf sich hat, ist mir die Geschichte eingefallen, die mir der Schlachter Klausdörp, der Alte, über die Ladentheke zwischen zwei Kunden, die er zu bedienen hatte, erzählt hat.




Ich hatte Zweifel ob den Wahrheitsgehalt, zumal in diesen Tagen oft, unverblümt und abenteuerlich gelogen wird, was die Bretter hergeben. Ich bin also zur Kirche und habe in den Kirchenarchiven nachgesehen. In der Tat, es ist dort ein Fritz Karfunkel vermerkt, der 1824 hier auf diesem Gelände eine kleine Hütte hatte, die er aber recht schnell zu einem festen Haus ausbauen ließ. Die Ackererträge waren nicht gerade üppig, aber doch ausreichend, so dass sein Haushalt sich vergrößerte. Er hatte eine Frau geheiratet, nämlich Olga Karpunzel aus der Gegend um den Klützer Winkel. Die beiden hatten sich auf einem rauschenden Fest kennengelernt, das der hiesige Lehnsherr Klaus von Wellenbüddel für seine Freunde und Gleichgesinnten gegeben hatte. Auf diesem Fest lernte Fritz Karfunkel die schöne Olga Karpunzel kennen, eine bürgerliche, deren Reizen er jedoch nicht widerstehen konnte. Er ehelichte sie in der Kirche in Dorf Mecklenburg und vergrößerte sein Anwesen, das mittlerweile zu einem Lehnshof geworden war zu beachtlicher Größe. Er musste das Haus vergrößern. Dafür riss er das erst wenige Jahre alte Haus ab und baute daraus dieses Gutshaus, welches nach seiner Meinung besser zu seinem Stand passte. Sein Haushalt ist auf 4 Mägde, 10 Knechte, 15 Kinder, die nicht genau zuzuordnen waren, zu ihm mit seiner Frau Olga angewachsen. Die Mägde und die Knechte waren Leibeigene, die von dem Lehnsherren Klaus von Wellensbüddel übergeben wurden.

So gesehen hatte sich auf dem Hof trotz der Wirren in den 40 und 50er des 19. Jahrhundert ein reges Leben entwickelt. Alles schien gut zu gehen, wenn nicht der Hausherr, nämlich der Fritz Karfunkel ein Schürzenjäger erster Klasse gewesen wäre, er hatte 7 Kinder von unterschiedlichen Mägden, die er meist ohne Ihr Zutun geschwängert hatte. Olga indes war nicht gerade glücklich über diesen hanespoten Mann, der nicht in der Lage war, sie zu befruchten, andere aber schon, und das in Massen. So ging das nicht weiter. Sie erklärte ihm, dass er gewiss seinen Ehepflichten nachgehen solle und das Schwänzeln in Zukunft unterlassen solle. Sie haute gewissermaßen mit der Hand auf den Tisch und mahnte seine Treue an. Als dann aber nach einem Jahr die Magd Luise ein Kind bekam, das offensichtlich wieder von Fritz gezeugt wurde, hatte die Geduld bei ihr ein Ende. Sie stieg nächtens aus dem Bett, ging in die Küche und schnitt dem Ernst Karfunkel mit einem leichten Bedauern den Penis mit einem professionellen Schnitt ab. Bevor er wach wurde, hatte sie das nun schlaffe Glied in der Hand und warf es mit einem gelungenen Schwung aus dem Fenster. Das Blut spritze und eh Fritz sich versah, färbte sich das Bett von seinem Blut dunkelrot. Er verblutete bevor Olga einen Verband holen konnte. Als sie in sein fahles, nun sehr trauriges Gesicht sah, sprudelte immer noch Blut. Er verschied unter ihrem Blick.

Olga entsorgte ihn fachgerecht, unter dem Beifall der Mägde und wurde jetzt die Herrin vom Olgashof. Er wurde von den Nachbarn und dem weiteren Kreis der Olgashof genannt, weil sie jetzt dort die Geschicke führte. Das erste, was sie auf dem Hof einführte bezw. abschaffte, war die Leibeigenschaft. Es war einer der ersten Höfe dieser Zeit, in der die Leibeigenschaft abgeschafft wurde. Die Mägde waren jetzt keine Mägde mehr, sondern freiwillige, aber ausreichend entlohnte Helferinnen. Sie wohnten alle auf dem Hof, trafen sich zu den Essenszeiten. Das aktive Zusammengehen der Frauen hat sich schnell herumgesprochen. Auch die Knechte wurden in die Freiheit entlassen. Während sie aber ins Weite zogen, einige in die schwelenden Kriege und Revolutionen, sind die Frauen auf dem Hof geblieben und haben erfolgreich gewirtschaftet.

Seit dieser Zeit gab es praktisch keine ständigen Männer mehr auf dem Hof. Wenn die Frauen männliche Gesellschaft wollten, haben sie sich einige bestellt und sie dann untereinander für eine Nacht aufgeteilt. Auch ihnen war jedoch klar, dass die Frauenschaft wachsen müsse und dass das in erster Linie nur über einen reichen Kindersegen möglich würde. Sie haben also gute zeugungsfähige Männer eingeladen und haben sich befruchten lassen. Dann haben sie die Männer wieder weggeschickt.

So hat dann unter dieser Frauencrew der Hof die Jahrhundertwende erlebt. Der erste Weltkrieg ist gewisserweise ohne sonderliche Zerstörungen an dem Hof vorbeigegangen. Olga ist in den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts, etwa 1904, gestorben und wurde auf dem Friedhof in Dorf Mecklenburg begraben, wo das Grab heute noch zu finden ist. Die Idee, den Hof nur von Frauen zu bewirtschaften, war jedoch so fest verankert, dass sich in dieser Frauenschar ausreichend qualifizierte Fachkräfte entwickelt haben, dass wirtschaftliche Nöte nicht bestanden.

In den 1920 er Jahren lebten die Frauen regelrecht auf. Die künstlerischen Entwicklungen dieser Zeit, die mehr in der Darmstädter Gegend oder in Dessau stattfanden, wurden jedoch von den Frauen neugierig registriert. Das hatte zur Folge, dass sich die Frauen Gedanken über die künstlerische Gestaltung der Fassade des Gutshauses machten.

In diesen Zeiten, wie ich aus dem Kichenarchiv  erfahren habe, waren auf dem Hof 13 Frauen und zwar: Julia Krause, Margrit Lohmeiner, Käthe Kuddel, Bärbel Fischer, Ruth Hecht, Ute Kortbeen und Sussi Fischköpp, ebenso Britta Locke. Alle anderen waren in dem Kirchenarchiv lediglich als Zahl vermerkt.

Locke sagte eines Morgens: Frausleut, wir müssen das Haus schöner machen. Ich fahre morgen nach Süddeutschland und sehe mir einige Häuser an. Britta Locke zog also los und kam nach 4 Monaten zurück. Sie erzählte, dass sie in Frankreich gewesen sei, in  Dessau, in Darmstadt auf der Mathildenhöhe, in Spanien und hätte dort die unterschiedlichen Kulturen erlebt. Deshalb schlug sie vor, das Haus mit den Mitteln der Blumenkränze und der organischen Pflanzen zu verschönern. Sie machte einige Zeichnungen von dem Eingang und den Fenstern und fing an, die Fassade umzugestalten.

Indes, der Hof hieß immer noch Olgashof.

In den Jahren zwischen den Kriegen hatten nun fast alle Frauen Kinder von ihren Wunschmännern bekommen. Manchen Frauen ist es gelungen, die Jungen so zu erziehen, dass sie keine patriarchalen Verhaltensmuster zeigten, aber bei Vielen versagte diese Absicht. Das zeigte sich in erster Linie in dem Wunsch der meisten Jungen in den Krieg zu ziehen, um das deutsche Volk zu schützen. Ihr erzieherischen Versagens durchaus bewusst, ließen sie die Söhne gehen, in dem Wissen, dass sie möglicherweise nicht zurückkommen würden.

Nun, meinten die zuhause gebliebenen Frauen, wenn sie unbedingt wollen, dann sollten wir sie gehen lassen. Das war die Zeit, in der die Frauen anfingen, das Terrain mit einem Zaun zu umgeben, um sich gegen die betrunkenen berauschten brauen Horden zu schützen. Sie erinnerten sich stets an die Olga, die mit einem scharfen Küchenmesser ihre Freiheit erreicht hatte. Sie mussten nur eines tun: Sie mussten diese Geschichte am Leben erhalten, denn jeder Soldat, der über das Tor kletterte, musste wissen, dass er möglicherweise seinen Penis dort verlieren würde.

Etwa um 1919 haben die Frauen, die allesamt als Grundeigentümerinnen in den Archiven zu finden waren, die Fassade von dem Maurer aus Wismar, Peter Mörtel, im Jugendstil erbauen lassen. Er ließ sich gerne von den Frauen helfen, weil sie eine viel leichtere und geschicktere Hand hatten, die Blumenverzierungen anzubringen.

Die Zeiten bis 1936 waren nicht ganz nachzuverfolgen, weil einmal die Kriegswirren verwunden werden sollten und dann die neu aufbrechende Fantastisierung der deutschen Volksseele auch diese Frauen stark verunsicherten.

An dieser Stelle setzt aber eine sehr sorgfältig recherchierte Untersuchung des Kommunarden Hans-Peter Sause ein, der seine Ergebnisse in einem kleinen Heftchen auf wenigen Seiten zusammen getragen hat.

Danach umfasst der Hof 1931, die Kletziner Hufe, rund 67 ha. Der dann doch männliche Eigentümer Dipl. Landwirt Wendhoff bewirtschaftete den Hof, bis er von den DDR Strategen verstaatlicht wurde. Von den Frauen war in dieser Beschreibung keine Rede. Dennoch ist in den Zeitungen dieser Gegend, in der Ostseezeitung vom 31.05.1930, zu lesen, dass die Frauen auf dem Hof wegen ihrer anarchistischen Gesinnung und ihrer Unfähigkeit, sich anzupassen in eine heftige finanzielle Schieflage geraten seien, so dass sie in einem mutigen Widerstandskampf den Hof dann doch abgeben mussten und, wie gesagt, wurde der Hof von den Banken dann an den besagten Wendhof gegeben. Wieviel er gezahlt hat, ist nicht zu erfahren. Der Hof hatte in den Kriegswirren öfter als Asylauffanglager gedient und wurde jedoch nach 1945, spätestens 1949 wieder staatlich und von der DDR- Regierung als Jugendwerkhof bewirtschaftet. Das allerdings fand erst 1974 statt. Bis dahin hatte das Schulzentrum Dorf Mecklenburg den Hof als Zoo für heimische und andere Tiere verwendet. Die Bezeichnung „Bärenzwinger“ ist ein deutlicher Beleg dafür. In der alten Katasterkarte ist er noch zu finden. Erst 1974 wurde der Hof als Jugendwerkhof genutzt.

Als die jetzigen Besitzer des Olgashofes, die Frauen und Männer der Gemeinschaft Olgashof, den Hof von dem Landkreis übernahmen, war den Initiatorinnen nicht bewusst, was sich hinter dem Begriff „Jugendwerkhof“ verbarg. Das erfuhren sie erst, als einer der Männer in dem Keller eine Zelle fand, in dem  noch die Striche von den Deliquenten an der Wand, diese eben eingesperrt wurden. Das kann unterschiedlich Gründe gehabt haben. Einmal natürlich die „Nichtangepasstheit“ der Jugendlichen, dann aber auch die Sehnsucht nach den ebenfalls eingesperrten Mädchen aus dem einige Kilometer entfernt liegenden Jugendwerkhof Groß Stieten. Die Zäune waren nicht sonderlich hoch, so dass für die einen oder für die andere das nächtliche Überklettern keine großen Anforderungen bedurfte. Auf dem Olgashof gab es eine Stelle, die von den Aufpasserrinnen stets übersehen wurde. Und das ist der kleine Durchschlupf am Ostzaun des Hofes, an dem vor einigen Jahren eine Pappel während eines Sturm quer über den Weg nach Wietow gefallen ist und bei den Wegräumarbeiten eine kleine Lücke in dem Zaun übersehen wurde. Klara und Peter haben sich regelmäßig in der blechernen Bushaltestelle getroffen. Später haben sie auf Facebook von ihren Techteleien berichtet. Peter musste deswegen einen Tag in die Arrestzelle, was die Sehnsucht zu Klara nur gesteigert hat. Mit 19 Jahren wurden sie entlassen und haben dann weit von einander entfernt nur noch in Gedanken in der Bushaltestelle gesessen und sich dann in Gänze vergessen.

Diese kleinen Biografien geraten zu einem Nebenaspekt, wenn bedacht wird, dass auf dem Olgashof in militärischem DDR-Drill aufgestanden, gegessen, gearbeitet wurde. Es wurde erzogen, gezogen an den Ohren und an der Seele. Viele haben heute noch darunter zu leiden und fordern von der Regierung Entschädigungen für erlittenes Leid, wobei die früheren Westdeutschen, die es heute ja nicht mehr gibt, mit ihren eigenen Jugendheimen genug um die Ohren hatten.

Dorfschreiber Klaus Freitag, den 23.4. 1956

Mit der Wende 1990 ging auch diese Periode vorüber. Der Olgashof hatte eine weitere Geschichte erlebt. Und dann - 1997 - nach einer kurzen Übernahme des Hofs durch den SB – gelangte die „Gemeinschaft Olgashof“ in den Besitz dieses Hofes. Hier leben jetzt wieder - in alter Tradition – Frauen, die die Geschäfte in die Hand genommen haben und den Laden vorantreiben. Wieder sind es 8 Frauen, die allerdings ein befriedetes Verhältnis zu den hier lebenden Männern haben. Dies hat sich geändert. Heute ist es nicht mehr so, dass die Männer an der Treue zweifeln lassen, obwohl auch in diesen Tagen die Männer, die ihre Triebe mit leichtem Streicheln nicht besänftigen können, Gefahr laufen, heftig eines auf die Finger zu bekommen. Wohl gemerkt: alles unter dem Siegel der Freiheit und der Aufgeschlossenheit.

Mittlerweile ist der Olgashof über 20 Jahre im Besitz dieser Anarchistinnen, die sich allerdings nie so benennen würden.

Karla Kurzbein, den 20.5.2019


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